Becoming EU-ropean: Kroatische Perspektive auf den EU-Beitritt
Am Dienstag, den 12.02.2026, lud das EZBW zum dritten und letzten Webinar im Rahmen des laufenden Projekts „Becoming EU-ropean“ ein. Unter dem Leitthema „Between Optimism and Disillusion – EU Enlargement from a Croatian Perspective“ stand diesmal die Perspektive des jüngsten EU-Mitgliedstaats Kroatien im Mittelpunkt.
Nach einer kurzen Einordnung in die bisherige Webinarreihe gab zunächst Dr. Senada Šelo Šabić, wissenschaftliche Beraterin am Institute for Development and International Relations in Zagreb, einen Input, in dem sie die Entwicklungen seit dem EU-Beitritt 2013 aus kroatischer Perspektive nachzeichnete und Erwartungen, politische Dynamiken und gesellschaftliche Wahrnehmungen einordnete. Deutlich wurde, dass der Beitritt vor allem mit Nutzen- und Gewinnnarrativen kommuniziert wurde. Zugleich wurde kritisch reflektiert, dass eine genuine Mitgliedschaft nicht allein auf Erwartungen an Vorteile beruhen kann, sondern auch die Bereitschaft voraussetzt, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zum europäischen Projekt beizutragen – gerade in schwierigen Zeiten. EU-Mitgliedschaft, so ein wiederkehrender Gedanke, bedeutet Partnerschaft, Loyalität und geteilte Werte. Dr. Šelo Šabić betonte, dass EU-Erweiterung kein reiner Verwaltungsakt, sondern ein zutiefst politischer und emotionaler Prozess ist. „Das europäische Projekt ist nicht nur technisch, sondern etwas, das wir gemeinsam aufzubauen versuchen.“ Gleichzeitig wurde die Frage aufgeworfen, wie tragfähig die EU im Jahr 2035 sein wird – und wie ihre innere Kohäsion gestärkt werden kann. Hervorgehoben wurde zudem, dass EU-Beitritt ein zweiseitiger Prozess ist. Im Falle Kroatiens sei er mit der formalen Aufnahme 2013 nicht abgeschlossen gewesen; vielmehr bleibe Integration eine langfristige Aufgabe für Politik und Gesellschaft, eine Aufgabe, die Vertrauen, Mitwirkung und auch Verletzlichkeit voraussetzt.
Im Anschluss an diesen Impuls diskutierten die Teilnehmenden die Frage, welche Rolle die EU-Mitgliedschaft für das Selbstverständnis Kroatiens heute spielt – im Inneren ebenso wie im Verhältnis zu den europäischen Nachbarn.
In den Breakout-Sessions erarbeiteten die Teilnehmenden „Do’s and Don’ts“ für künftige Erweiterungsprozesse. Mit Blick auf Serbien wurde die Bedeutung politischer Führung und fachlicher Expertise hervorgehoben, um Reformprozesse zu beschleunigen und nicht dauerhaft im Status des Kandidaten zu verharren. Für Bosnien und Herzegowina standen die konsequente Umsetzung der Kopenhagener Kriterien und die Stärkung der Rechtsstaatlichkeit im Vordergrund. Insgesamt wurde deutlich, dass Werteorientierung, institutionelle Reformen und gesellschaftliche Akzeptanz Hand in Hand gehen müssen.
Ein zentrales Fazit des Webinars lautete, dass EU-Erweiterung kein einmaliges politisches Ereignis, sondern ein langfristiger Transformationsprozess ist. Sie verlangt nicht nur die Übernahme gemeinsamer Regeln, sondern die aktive Mitgestaltung des europäischen Projekts. Gleichzeitig wurde unterstrichen, dass es für europäische Staaten realistisch keine tragfähige Alternative zur EU gibt – nicht aus Mangel an Optionen, sondern weil die Europäische Union weiterhin den zentralen Rahmen für Stabilität, Kooperation und demokratische Entwicklung bildet.
Mit dem dritten Webinar schloss das erste Modul des von der Baden-Württemberg Stiftung geförderten Projekts ab. Ziel des modular aufgebauten Vorhabens ist es, den Dialog im Donauraum zu fördern, unterschiedliche nationale Perspektiven auf EU-Erweiterung sichtbar zu machen und tragfähige Netzwerke zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wissenschaft aufzubauen. In der nächsten Projektphase folgen nun Vor-Ort-Aktivitäten in Osijek, Novi Sad und Tuzla, bei denen die im Webinar entwickelten Impulse weiter vertieft und in konkrete Bildungs- und Austauschformate überführt werden.
Bild: Europa Zentrum-Baden-Württemberg

